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Nachhaltige Software-Produkte: Was langfristige Update-Strategien wirklich brauchen

Langlebige Produkte brauchen nachhaltige Update-Strategien. Ich zeige, warum Geschäftsmodell, Produktarchitektur und ALM zusammenpassen müssen.

Julian Weyer
Julian Weyer11. Juli 2024 · 4 Min. Lesezeit
Nachhaltige Software-Produkte: Was langfristige Update-Strategien wirklich brauchen

Produkte, die heute auf den Markt kommen, sind selten rein mechanisch. Autos, Industriemaschinen, Medizintechnik — überall steckt Software drin. Das ist erst einmal gut. Software lässt sich aktualisieren, Fehler beheben, Funktionen nachrüsten, ohne dass der Kunde das Gerät physisch zurückbringen muss.

Aber hält dieses Versprechen auch in der Praxis? Wer schon mal ein älteres Gerät in Händen gehalten hat, das keine Updates mehr bekommt, kennt die Antwort: Nicht von selbst.

Langfristige Software-Updates sind kein technisches Naturgesetz. Sie sind das Ergebnis bewusster Entscheidungen — in der Produktarchitektur, im Geschäftsmodell und in den Prozessen, mit denen Anforderungen und Tests über den gesamten Lebenszyklus verwaltet werden.

Genau darum ging es in meinem Vortrag “Leveraging Long Term Software Update Strategies” auf der SIEMENS Realize LIVE 2024 in Las Vegas (den Konferenzbericht findet ihr hier). Der Messeschwerpunkt war Nachhaltigkeit — und das Argument dahinter ist eigentlich simpel: Ein Produkt ist dann wirklich nachhaltig, wenn es lange lebt. Und es lebt lange, wenn es auch langfristig mit Software-Updates versorgt werden kann.

Drei Bausteine müssen dafür zusammenpassen.

1. Das Geschäftsmodell muss Updates ermöglichen

Das klingt selbstverständlich — ist es aber nicht. Viele Unternehmen haben historisch ihr Geld mit Hardware gemacht. Support war Anhang, der möglichst wenig kosten sollte. Software-Updates gratis und auf Lebzeiten sind in dieser Logik ein Kostenblock ohne Return.

Die Frage ist deshalb: Wer soll das bezahlen? Wenn die Antwort „niemand” lautet, wird auch niemand dafür sorgen, dass die Updates gut werden — oder überhaupt kommen.

Das kann ein Servicevertrag sein, ein Abo-Modell, ein gestaffelter Support-Level. Das Modell spielt eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist: Es muss sich wirtschaftlich rechnen, gute Software-Updates zu liefern. Sonst bleibt Nachhaltigkeit Rhetorik.

2. Die Produktarchitektur muss es erlauben

Das zweite Problem ist technisch: Viele Produkte sind so gewachsen, dass ein Software-Update für eine bestimmte Produktgeneration eine komplette Neuentwicklung bedeuten würde. Wer Mechanik, Elektronik und Software eng miteinander verknüpft hat — weil es damals schnell gehen musste —, der hat ein Problem, wenn fünf Jahre später eine Software-Komponente aktualisiert werden soll.

Modularisierung und Standardisierung sind hier das Stichwort. Wenn Software-Komponenten klar definierte Schnittstellen haben und möglichst viele Produktgenerationen dieselbe Software-Basis teilen, dann wird ein Update planbar und wirtschaftlich sinnvoll.

Das ist leichter gesagt als getan. Aber es ist eine Entscheidung, die man bewusst treffen kann — und je früher man sie trifft, desto günstiger kommt sie.

3. ALM schafft die nötige Transparenz

Angenommen, das Geschäftsmodell stimmt und die Architektur ist modular. Dann kommt die dritte Herausforderung: Wie behalte ich den Überblick darüber, welche Anforderungen in welche Software-Komponente eingeflossen sind? Welche Tests gibt es dafür? Welche Abhängigkeiten zwischen Komponenten könnten ein Update blockieren?

Genau hier kommen ALM-Tools ins Spiel. Application Lifecycle Management — mit Tools wie Polarion, Codebeamer oder Jira — schafft eine durchgängige Verbindung zwischen Anforderungen, Entwicklung, Tests und Auslieferung. Im Idealfall weiß das System:

Diese Transparenz ist die Voraussetzung für einen hohen Automatisierungsgrad. Wenn der Änderungs-Impact eines geplanten Updates auf Knopfdruck sichtbar ist, können Entwicklungszyklen deutlich verkürzt werden — und das Risiko, etwas kaputtzumachen, sinkt.

Die drei Bausteine
  • Das Geschäftsmodell muss Software-Updates als Einnahmequelle vorsehen — ohne wirtschaftliche Grundlage werden Updates nicht nachhaltig geliefert
  • Die Produktarchitektur braucht Modularisierung und klare Schnittstellen, damit möglichst viele Produktgenerationen mit denselben Updates bedient werden können
  • ALM-Tools, richtig eingesetzt, schaffen die Transparenz über Anforderungen, Tests und Abhängigkeiten — die Grundlage für Automatisierung und sichere Updates

Den Vortrag ansehen

Wer sich das Ganze in Vortragsform ansehen möchte: Das Video ist auf YouTube verfügbar.

Eine Anmerkung zum Thema Nachhaltigkeit und Flugreisen nach Las Vegas: Die Frage ist berechtigt. Ich möchte mir damit keine Absolution erteilen — aber den CO2-Ausstoß meines Fluges habe ich über einen zertifizierten Anbieter aus eigener Tasche kompensiert.